Modul Zweite Polnische Republik
Das Modul die „Zweite Polnische Republik“
Bearbeiterin: Heidi Hein (Marburg)
Als Polen 1918 nach 123jähriger Teilungszeit wieder gegründet wurde, stand der junge Staat, der gerade von deutscher Seite häufig pejorativ als „Saisonstaat“ bezeichnet wurde, vor der Aufgabe, die unterschiedlich entwickelten Teilgebiete zu integrieren. Er musste einerseits ein nach innen und außen funktionierendes Staatswesen aufbauen und behaupten, andererseits aber dieses in wirtschaftlicher, sozialer, rechtlicher, kultureller und nicht zuletzt politischer Hinsicht vereinheitlichen. Durch die Grenzfestlegungen, über die im Westen im Wesentlichen aufgrund der Regelungen des Versailler Vertrags und im Osten aufgrund militärischer Auseinandersetzungen entschieden worden war, entstand ein zu rund einem Drittel aus nationalen Minderheiten bestehender Staat, der agrarisch geprägt und abgesehen von einigen Zentren in nur geringem Maße industrialisiert war. Seit der Verabschiedung der Übergangsverfassung im Jahre 1919 verschlechterte sich das innenpolitische Klima erheblich; das Vielparteiensystem wurde instabil, weil die junge Demokratie in immer stärkerem Maße in den Sog innenpolitischer Machtkämpfe und Affairen geriet. Gegen diese putschte Józef Piłsudski im Mai 1926 und errichtete die nach dem politischen Schlagwort einer moralischen Gesundung benannte Sanacja-Herrschaft, die sich endgültig bis 1930 zu einem autoritären Regime entwickelte. Die kurz vor Piłsudskis Tod 1935 verabschiedete Aprilverfassung bedeutete einen ersten Schritt zu einer totalitären Staatsstruktur, die jedoch bis 1939 nicht erreicht wurde. Das System wurde aufgrund der „Epigonenkämpfe“ und der politischen Mittelmäßigkeit der Nachfolger Piłsudskis zunehmend brüchig, zudem wurde es noch durch einen steigenden Antisemitismus sowie sich verstärkende politische und nationale Konflikten und eine immer stärkere wirtschaftliche Krise erschüttert. Mit der Besatzung Polens durch das Deutsche Reich und die Sowjetunion infolge des Hitler-Stalin-Paktes ging die Zweite Republik unter.
Nachdem die Zweite Republik lange Zeit, auch unter dem Einfluss der volksdemokratischen Historiographie, vergleichsweise selten und dann nur zumeist aus einer ideologisch beeinflussten kritischen Perspektive behandelt wurde, erlebte sie im Zuge der politischen Veränderungen in den 1980er Jahren und der politischen Wende Ende der 1980er Jahre sowie aufgrund neuer Fragestellungen infolge von methodischen Neuorientierungen eine Renaissance in der Geschichtsschreibung.
Die innen- und außenpolitischen Herausforderungen und Entwicklungen machen es interessant, die Zweite Republik unter vielfachen Aspekten in Wissenschaft und universitärer Lehre zu behandeln, wobei für diese nach wie vor umfassende Quelleneditionen fehlen. Das Modul wurde daher so konzipiert, dass ein Überblick über alle Politikfelder im Rahmen eines Seminars möglich wird; einzelne Themenfelder können natürlich separat behandelt werden. Zugleich bieten die edierten Quellen eine Möglichkeit des Vergleichs mit anderen Systemen.
Die Textquellen
Zentrale Quellen zur Geschichte des Staates, aber auch in den polnischen Editionen selten oder gar nicht behandelte Quellen, wie beispielsweise die Erklärung des Lagers der Nationalen Einheit (OZN) wurden aufgenommen, um die innen- und außenpolitische Entwicklung und die ideologischen Grundlagen zu dokumentieren. Entsprechend werden die ausgewählten Quellen in vier Kapitel unterteilt: Staatsbildung, die die Festlegung der Grenzen beinhaltet, Verfassungsordnung, Sanacja-Herrschaft und Außenpolitik.Die Auswahl der Quellen wurde so getroffen, dass der prozessuale Charakter der Staatsbildung deutlich wird, welche eben nicht mit der Übertragung der militärischen und zivilen höchsten Macht an Piłsudski, sondern letztlich mit der Festlegung der Grenzen abgeschlossen wurde. Die Quellen zur Verfassungsordnung fassen dann die grundlegenden Dokumente zusammen, die für das politische System konstitutiv sind. Dazu wird auch der mit dem Versailler Vertrag unterschriebene Minderheitenschutzvertrag gerechnet, der die Grundlage für das Zusammenleben der Nationalitäten in Polen bildete. Die Dokumente zur Innenpolitik stellen einerseits den Maiputsch, andererseits das autoritäre Regime der Sanacja und dessen grundlegende ideologische Haltungen vor. Über Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen hinausgehend werden durch die in dem Abschnitt Außenpolitik zusammengefassten Quellen die Grundhaltungen der polnischen Außenpolitik vorgestellt.
Die Materialien
Die im Kapitel Materialien zusammengefassten Materialien vertiefen nicht nur die Textquellen, sondern ergänzen sie auch in inhaltlicher Hinsicht.Dazu dienen zunächst die Statistiken anhand derer grundlegende demographische Daten und Wahlergebnisse präsentiert werden. Zu letzteren ist festzustellen, dass die Zusammensetzung von Sejm und Senat seit 1935 nicht in den veröffentlichten statistischen Jahrbüchern etc. nachzuvollziehen ist, sondern wohl aus politischen Gründen nicht thematisiert wird. Die vorhandenen Defizite im Bildungsbereich und in der Wirtschaft sowie die ungelöste Agrarfrage werden in eigenen Kapiteln durch Statistiken thematisiert und sollen der Vertiefung und Diskussion der sozialen und wirtschaftlichen Frage dienen; auch hier gilt, dass bestimmte Daten wie etwa Informationen über die Arbeitslosenquote nicht in den veröffentlichten Materialen zu eruieren waren.
Die ausgewählten Karten, vor allem zu Fragen der Wirtschaft und der Landwirtschaft, sollen die Problematiken auf andere Art verdeutlichen und vertiefen.
Die Regierungslisten und Chronologien geben weiterhin dem bislang wenig in die polnische Geschichte der Zwischenkriegszeit eingearbeiteten Nutzer Orientierung, zumal vollständige Regierungslisten kaum zugänglich sind. Die Auswahlbibliographie berücksichtigt vor allem Literatur in westlichen Sprachen und nur ausgewählte polnische Publikationen.